Martin Camaj – Das Gedicht als Klang gewordene Stimme der Zeichen

Martin Camaj Viermal war er fortgegangen, jedes Mal war er in der Fremde heimisch geworden. Um sich heimisch zu fühlen, brauchte er nur einige wenige, für ihn elementare Dinge: Mitmenschen, Berge, Bücher, die albanische Sprache und eine Schreibmaschine. Über dreißig Jahre seines Lebens hat der 1992 siebenundsechzigjährig verstorbene albanische Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Martin Camaj in Bayern verbracht und sich heimisch gefühlt. Lang und schwierig war der Weg aus den unwegsamen nordalbanischen Alpen nach München. Ungewöhnlich war der Weg des Hirtenbuben aus den »Bjeshkët e Nemuna«, den »Fluchbeladenen Bergen« Nordalbaniens, bis zur Würde der Professur für Albanologie an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität.

Im Alter von dreiundzwanzig Jahren hatte Martin Camaj auf der Flucht vor der Unfreiheit und dem Terror des albanischen Stalinismus seine Familie und sein Land verlassen und seitdem nie wieder gesehen. Das Ausmaß und die Art, wie Martin Camaj seiner Herkunft treu blieb, läßt sich kaum besser beschreiben als durch folgende Begebenheit: Im Zuge seiner akademischen Karriere wurde er als deutscher Hochschullehrer verbeamtet (was für ein Wort für einen, der als Kind gesagt hatte »Ich will über die Berge fliegen mit den Tauben«!). Als Camaj auf die Frage nach dem Beruf des Vaters «Hirt» angab, wurde ihm mit einem »Aber, Herr Professor!« bedeutet, so etwas habe es »in den Annalen dieser Universität« noch nicht gegeben. Die deutsche Hochschule mußte hinnehmen, daß ihre Annalen erstmalig den Sohn eines Hirten als einen ihrer Professoren verzeichneten - wenn auch in der Lesart »Landwirt«. Der freundliche Herr von der Universitätsverwaltung, der Camaj beim Ausfüllen des Fragebogens half, bekam zu hören, daß der Herr Professor stolz war, der Sohn eines so einfachen, wunderbaren Mannes zu sein.

Die ersten Klänge

Ich sah am Himmel der Winterweide einst
viele Wolken vorüberziehen
und trübe Flüsse und sie trugen mit sich
Steine und Holz.
Als ich in das siebente Jahr ging
habe ich den Wolf gesehen
wie er floh, den Schwanz zwischen den Beinen
und die Ohren wie Wasserstrahlen steil.
Ich ging mit meinen Leuten
auf schmalen Bergpfaden
und hatte Hunger und Durst.
Ich hörte Lawinen und Donnergrollen
und die Worte meines Vaters »hab keine Angst«.

Die Sommer des Tieflands bewahre ich in der Brust
und in grünen Blättern kann ich noch heute
die Orte meiner ersten Jahre sehen.
Der eintönige Laut der Kinderflöte
und die Klänge der Wasserstrahlen im Regen
sind mit den Jahren in mir gewachsen
wie Blutkraut an sonnigen Hängen
um eines Tages zum Lied zu werden.

Die Orte der ersten Jahre Martin Camajs lagen in Temal, einem der katholischen Dörfer im gebirgigen Hinterland des nordalbanischen Kulturzentrums Shkodër. Die Dorfbewohner glaubten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten durch die Luft fliegen zu sehen. Der Ortsgeistliche Pater Pepa, der in Graz Theologie studiert hatte und nach langjährigem Dienst unter den Bergbewohnern auf die Frage des kleinen Martin, was er denn von der Sache mit den Schatten halte, antwortete, »Inzwischen sehe ich sie schon selber«, war es, dem die Begabung des Jungen auffiel und der ihm ein Stipendium am italienischen Jesuiten-Gymnasium »Xaverianum« in Shkodër verschaffte. Nach einer gründlichen Gymnasial-Ausbildung, besonders in den humanistischen Disziplinen, kehrte Martin Camaj in die Berge zurück, wo er in der Ortschaft Prekal die erste Volksschule für die Kinder und analphabetischen Erwachsenen der weit verstreut liegenden Dörfer gründete und als ihr einziger Lehrer betrieb. Nach nur etwa einem halben Jahr mußte er sich vor Enver Hoxhas Partisanen in Sicherheit bringen. Zwar waren die Versuche, ihm den Umgang mit einem Schießprügel beizubringen, kläglich gescheitert, doch wurde er als intellektueller Kopf der Widerstandsbewegung seiner Heimatregion gesucht. Er tauchte unter und konnte sich etwa ein halbes Jahr lang gemeinsam mit einem Pater, Daniel Gjeçaj, im Untergrund halten. 1949 floh er nach Jugoslawien.

Handschrift

Feuer auf der Bergkette

Feuer auf der Bergkette in Träumen
blutschweißverschmiert.
Ein Kampf und eine Revolution
Wiege und Liege einer Generation

die sich fürchtet
das Fenster zu öffnen
gestern wie heute aus Angst
den Geist auszuhauchen verwundet nackt
noch ehe die Bleisalven
gegen Felsen knattern.

Nach einigen Monaten in Montenegro studierte er in Belgrad slawische und romanische Sprachen und Literaturen, Albanologie und balkanische Volksliteraturen, spezialisierte sich auf Sprachwissenschaft und wurde mit seinen beiden ersten, 1953 und 1954 in Prishtinë (Kosova/Kosovo) veröffentlichten Gedichtbänden zum Vorreiter der albanischen Literatur im ehemaligen Jugoslawien. Von diesen konventionellen, zumeist gereimten Erstlingswerken und ihrer idyllisch-bukolischen Thematik sollte sich Camaj später, zum Hermetiker geworden, der am beredtesten durch das Schweigen in seinen Gedichten sprach, energisch distanzieren. In Kosova, wo die Tradition einer kontinuierlichen Literaturentwicklung fehlte und man sich einem mächtigen Einfluß der »jugoslawischen« Literatur ausgesetzt sah, wurden sie von Lesern wie Autoren gleichermaßen bewundert, hinterließen tiefe Spuren in der dortigen Lyriklandschaft und wurden zum Vorbild für ganze Generationen von Lyrikern.

Das politische und geistige Klima und die wachsende Repression unter dem chauvinistischen serbischen Innenminister Aleksandar Ranković machten dem Flüchtling und Dichter aus Albanien das Leben in Jugoslawien zusehends schwerer. Wieder waren es Geistliche – seine ehemaligen italienischen Lehrer vom »Xaverianum« in Shkodër – die Camaj dazu verhalfen, einen Schritt weiter auf seinem Weg in die Welt der Kunst und Wissenschaft zu tun. Mit ihrer Hilfe verließ er 1956 Belgrad und die kosova-albanischen Kollegen und Freunde, die ihm vorübergehend die Heimat ersetzt hatten, und übersiedelte nach Rom, wo er zum zweiten Mal ein Universitätsstudium begann und abschloß. 1960 promovierte er über Gjon Buzuku, einen Autor der altalbanischen Literatur. In seinem Lehrer, Mentor und Freund Ernest Koliqi (1903-1975), einem an der Universität Rom lehrenden Schriftsteller aus Shkodër, und in der Sonne Kalabriens und Siziliens und den dort ansässigen italoalbanischen Arbëreshë fand Camaj seine zweite Heimat.

In Rom veröffentlicht Camaj zwei weitere Bücher, darunter einen lyrisch intonierten und mit Gedichten durchsetzten Roman. Seine materielle Existenz ist entbehrungsreich, seine Lyrik befreit sich vom rhetorischen Ballast der Erstlinge. In Literaten-Cafés tauscht er sich mit ebenfalls geflohenen Vertretern anderer osteuropäischer Literaturen aus. Als Chefredakteur der von Koliqi gegründeten und herausgegebenen bedeutenden albanischen Literaturzeitschrift Shêjzat (»Die Plejaden«, 1957-1974) unterhält Camaj Kontakte nicht nur mit zahlreichen Autoren und Intellektuellen der albanischen Diaspora, sondern auch mit vielen italienischen, französischen und anderen Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur, von denen er sich später besonders gern an Czesław Miłosz erinnerte. Camaj liest, lektoriert, redigiert, übersetzt, veröffentlicht die Texte anderer und gewinnt so eine Innenansicht der Literatur und lernt – mit den klassischen Werken der Antike und der italienischen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart bereits gründlich vertraut – die europäische Moderne und Gegenwartsliteratur kennen. Zum Werk von Giuseppe Ungaretti, der einer seiner Professoren an der Universität Rom war und der die Texte des jungen albanischen Kollegen schätzte, und Salvatore Quasimodo entwickelte Camaj, dessen Schreiben zunehmend durch die Lakonik und Elliptik albanischer oraler Überlieferungen geprägt wurde, eine besondere Affinität.

Schwarze Schlangen
Italoalbanisches Motiv

Im Dornbusch sind schwarze Schlangen
nackt liegst du unter der Sonne.
Im Dornbusch schwarze Schlangen
Lippe auf Lippe
Lippe auf Lippe
ihr Leben ist weiß
ist weiß ist weiß unter der Sonne
ihr weißes ihr weißes Leben
in der Sonne weiß, weiß.

Die Bienen netzen die Steine
trockener Bäche mit Honigtropfen.

Ab 1961 unterrichtete Martin Camaj Albanisch an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, zunächst als Lektor, dann – nachdem er sich 1964 mit einer Arbeit über Albanische Wortbildung habilitiert hatte – ab 1965 als Privatdozent und seit 1970 als Professor für Albanologie. 1971 zog er nach Lenggries. In München und Lenggries schrieb er weitere zehn Bücher, den Hauptteil seines literarischen Werkes (Lyrik, lyrische Prosa, Romane, Novellen, Schauspiele). Als er im Januar 1960 als DAAD-Stipendiat in München ankam, wollte er angesichts der klirrenden Kälte, die ihn hier empfing, auf der Stelle wieder nach Rom umkehren. Das Interesse an der Methodik der deutschen Linguistik überwog jedoch. Schließlich entdeckte er den Reiz des Nordens – der Bayern für den Südländer Camaj war – in »Formen grazil wie Grannen / vor dem Tor des Nordens«, er begann die, wie er selbst sagte, »deutsche Tiefe« zu schätzen und die »Ruhe blauer Augen« zu lieben, die »über spitze Dächer rollt«. In seiner deutschen Frau und den bayerischen Bergen, die ihn an »seine« Berge erinnerten, fand er seine dritte Heimat.

Abend im Norden

Er ging und ging und fand das Grün.
Die Klänge der Glockentürme ließen Kiefern
und Tannen hinter sich und gingen fort
um im Himmel zu übernachten.
Die Ruhe blauer Augen rollt
über spitze Dächer und wird
ein Spiegel der Lichter aus Öllampen
des vergangenen Jahrhunderts.

Er ging und ging im Dämmerlicht
sein Hab und Gut geschultert
und bevor er eintrat, setzte er
die Last neben der Tür ab und machte ein Zeichen
um sie im Dunkel mit einem Griff zu finden,
vor Tagesanbruch.

Als sich die Grenzen Albaniens zu öffnen begannen, konnte Camaj Einladungen dorthin nicht annehmen, da sein Gesundheitszustand zu geschwächt war. Zwei potentiellen Gefahren, die grundsätzlich jedem Autor im Exil drohen, erlag Martin Camaj nicht bzw. er ließ sie gar nicht erst an sich herankommen: das Abtrudeln in genrehafte, altväterliche »Heimatdichtung« und das Versacken im nationalen oder nationalistischen und politischen Konservatismus tendenziöser »Emigrantenliteratur«. Die Versuchungen der Heimattümelei und der Verwechslung von Politik mit Literatur prallten an Camaj ab, da er sich klare Prioritäten gesetzt hatte, die vom Verklären des Gestern und vom vordergründigen Gebrauch der Literatur zu politischen Zwecken allzu weit entfernt waren.

In den langen Jahren der Knebelung der albanischen Kultur durch das kommunistische Regime und seine kunstfeindliche Doktrin des Sozialistischen Realismus war Camaj gemeinsam mit seinem Freund, dem aus Shkodër stammenden und in den USA lebenden Lyriker, Philosophen und Literaturwissenschaftler Arshi Pipa (1921-1997) Hoffnungsträger und Lichtblick albanischer Intellektueller in der Diaspora. Camaj wurde von vielen politischen Gruppierungen aller Couleurs umworben und hat sich allen Vereinnahmungsversuchen unbeirrbar widersetzt: »Ich bin kein Mensch der Politik. Ich bin ein politischer Mensch.« Eine ebenso kategorische Absage erteilte er allen Einflüsterungen, seine Literatur unter das Primat der Politik zu stellen: »Zieht mich nicht in die kleine Kuhkaff-Politik hinein. Die kommunistischen Modelle der Politisierung der Literatur sind nicht nachahmenswert: Kunst und gelebter Glaube sind Eigentum des Individuums, des Menschen. Vielleicht sind das große Worte, doch ich glaube daran.«

Camaj konnte nicht leben, ohne »Literatur zu machen«. Diese Äußerung war für ihn keine Phrase, Pose oder Pflichtübung. Das Schreiben war ihm Passion und Obsession: »Von Anfang an war es eine Leidenschaft, ich bin von der Lyrik zur Sprachwissenschaft übergegangen, um nicht vom literarischen Schaffen getrennt zu werden. Von der Literatur habe ich alles bekommen, selbst den Willen, zu leben. Man kann das auch eine Besessenheit nennen.« Er hat von der Literatur nicht nur viel bekommen, er hat auch viel für sie gegeben, um sich selbst und seiner Maxime »Das Wichtigste: Wahrhaftigkeit im Leben und in der Kunst« treu bleiben zu können.

Während seiner Jahre in Rom boten ihm seine Freunde und Förderer, italienische Geistliche, die erkannt hatten, was in ihm steckte, ein weiteres Mal ihre Hilfe an. Er sollte als Autor alle nur mögliche Unterstützung bekommen: einen Verlag für seine Bücher, Publikationsmöglichkeiten, Rezensionen und Besprechungen seiner Texte in Zeitschriften, auf die man Einfluß hatte. Er wäre als Autor »gemacht« worden und hätte dafür lediglich ein Buch pro Jahr schreiben müssen. Camaj lehnte dankend und entrüstet ab, er könne nicht auf Bestellung schreiben. Mit dem Verzicht auf eine Karriere in der Literatur erkaufte er sich die Freiheit, seine Texte sich und der Sprache abringen zu können. Sein literarisches Opus ist vergleichsweise schmal, besonders im Hinblick auf das Œuvre so manches Autoren in Albanien. Camaj konnte es sich leisten, sich für jede Zeile jedes seiner Werke soviel Zeit zu nehmen, wie er brauchte, bis er es mit voller Überzeugung aus der Hand geben konnte – was ihm bei seiner Scheu, seinen Selbstzweifeln und der Liebe zu seinen »Kindern«, als die er vor allem seine Gedichte empfand, schwer fiel. Schließlich opferte er auch einen beträchtlichen Teil seines Professorengehalts für die Veröffentlichung seiner Bücher im Selbstverlag. Da Camajs ästhetische Ansprüche an ein Buch auch das Physische mit einschlossen, die optische und taktile Qualität, ließ er seine Bücher im kostspieligen Bleisatz und in handwerklich wie künstlerisch aufwendiger Ausstattung herstellen.

Schwierig und komplex war Camajs Verhältnis zu seinem Heimatland Albanien. Es bestanden keinerlei Kontakte, weder familiär, noch beruflich. Es machte ihm zu schaffen, daß der Name seines Heimatdorfes auf keiner albanischen Landkarte mehr zu finden war. Die schmerzhafte Tatsache, daß er nichts über das Schicksal seiner Eltern, zwei Schwestern und vier Brüder und der anderen Angehörigen wußte, versuchte er sich dadurch zu erleichtern, daß er sich in das hiesige Leben integrierte, regen telephonischen, brieflichen und persönlichen Kontakt zu unzähligen Albanern in der Diaspora unterhielt, vielen Landsleuten in jeder Hinsicht (einschließlich finanzieller Unterstützung) half, jedes Jahr mindestens einmal zu den Italoalbanern Süditaliens reiste und indem er beteuerte, es sei besser, nichts von der Familie zu wissen. Zwar hätte er über verschiedene Beziehungen Kontakte zur Familie zumindest gelegentlich haben können, er machte davon jedoch keinen Gebrauch, um seine Angehörigen nicht zu gefährden. Er konnte nur ahnen, wie realistisch diese Befürchtungen waren. Nach seiner Flucht war sein Geburtshaus in Temal abgerissen worden, sein Bruder Gjergj verbrachte dreißig Jahre im Gefängnis, andere Brüder wurden ebenfalls inhaftiert, gefoltert.

Die gesamte Familie und der Stamm Camaj vegetierte jahrzehntelang in Konzentrations- und Arbeitslagern. Kein Mitglied der Großfamilie Camaj durfte zur Schule gehen. Hierzu muß man wissen, daß die »Flucht außer Landes« als Kapitalverbrechen galt, juristisch als »Verrat am Vaterland« gewürdigt wurde und somit unter Artikel 64 des albanischen Strafgesetzbuches fiel, der folgenden Strafrahmen vorsah: »Freiheitsentzug nicht unter zehn Jahren oder Todesstrafe und immer Beschlagnahme des Vermögens«. Offizielle wissenschaftliche oder literarische Beziehungen zwischen Camaj in München und Kollegen in Albanien waren nicht möglich.

1972 fand in Innsbruck ein wissenschaftlicher Kongreß statt, zu dem sowohl Camaj als auch der große albanische Linguist Eqrem Çabej (1908 – 1980) aus Tiranë eingeladen waren. Camaj wäre Çabej sehr gern begegnet, trat jedoch von der Teilnahme am Kongreß zurück, da sonst Çabejs Kommen gefährdet gewesen wäre. 1985 ergab sich eine ähnliche Situation vor einem albanologischen Kongreß in Palermo. Die Universität als Veranstalterin beharrte jedoch auf Camajs Teilnahme. Die Teilnehmer aus Tiranë – darunter Dritëro Agolli, von 1973 bis 1992 Vorsitzender des albanischen Schriftstellerverbandes, und Androkli Kostallari, federführender Protagonist der 1972 dekretierten albanischen Standardsprache – setzten sich bei dem Vortrag von Camaj in die erste Reihe, scharrten mit den Füßen und verließen den Saal.

Camaj, der täglich Zeitungen und Zeitschriften aus Albanien las und Kontakt mit Albanern hatte, ist nicht in Vereinsamung und Isolation abgeglitten, wie ihm auch von albanischen Exegeten immer wieder angedichtet wird. Anstatt zu verbittern, glich er sich der Heldin seines komplexesten Werkes an, das 99 »Madrigale über das Schicksal eines unvollkommenen Lebewesens« enthält, Prosagedichte über die Schildkröte Dranja (»Rosa«): im Innern äußerst verletzlich und sensibel, nach außen abgeschirmt durch einen dicken Panzer, an dem alle Verletzungen abprallen. Die Schildkröte war Camajs Lieblingstier. Er besaß eine Kollektion von Schildkrötenfiguren und konnte lange und mit leuchtenden Augen über Schildkröten sprechen, wobei er besonders hervorhob, daß Schildkröten über feinste Sinne und Antennen verfügen und sogar Erdbeben im voraus erspüren. Als Autor reflektierte er seine Situation und Befindlichkeit in Texten, die um die Polarität kreisen, die wie ein Leitmotiv sein ganzes Leben und Werk durchzieht. Schon als kleiner Junge erlebt er den Gegensatz zwischen der kleinen, vertrauten Welt seines Dorfes Temal und der ihm fremden Stadt Shkodër, zwischen Berg und Ebene (Shkodër), zwischen Natur und Zivilisation.

Der Lyriker Jochen Kelter stellte zu Recht fest: »Camajs Natur – und das macht für mich die Faszination seiner Gedichte aus – weicht von den Naturprojektionen der mittel- und westeuropäischen Kulturnationen, die die Natur im 18. Jahrhundert zu zivilisieren begonnen haben, radikal ab. Seine Natur ist ungebändigt und bedrohlich, sozusagen archaisch.« Camaj selbst sagt im Vorwort seiner Gedichtsammlung Palimpsest: »Ich wurde in einer wildzerklüfteten Landschaft geboren, die noch nie ein Pferd betreten hat – so schroff und abschüssig ist sie.« In dieser ungebändigten Natur, in der die Menschen hinter dem kargen Inventar an Landschaftselementen und Gegenständen eine »andere Realität« hinter der Realität sahen, Dinge als Zeichen für etwas hinter ihnen Stehendes nahmen, lebten die Menschen in einer Welt der Bilder, in die sie ihre Gefühle und Gedanken faßten. Der junge Camaj erlebt in Shkodër nachhaltig den Gegensatz zwischen dieser Bilderwelt und der Welt der Bildung, in der – anders als in der Höhenluft der Berge – zwischen Realität und Traum unterschieden wird und die Dinge einen Namen erhalten, anstatt mit Bildern und Vergleichen umrissen zu werden. In einem in dieser Textgestalt auf Deutsch unveröffentlichten Gedicht heißt es:

Tag in meinem Gebirge

Das Stück Erde, von dem ich komme,
ist weithin bekannt
wegen seiner tiefen Abgründe
bei den Bewohnern von Berg und Ebene
bis hin zum Meer. Am Abend dort
hörst du den Schrei der Elster
in den Fängen des Adlers und ihre Seele
wird den Schatten geopfert.
Dort spielt das Licht in den Augen der Menschen
und die Leidenschaften kennt keiner mit Namen.
Die Vergeltung mit Blut ist, zum Beispiel,
eine Schlange unter Steinen und die Schlange selbst
das ist der Verstand einer Frau
unter weißem oder rotem Kopftuch.

In der Dämmerung dort berührt jeder seine Stirn
und fühlt zwischen den Fingern den Faden des Lebens
und freut sich.

In einem anderen, auf Deutsch unveröffentlichten Gedicht mit dem Titel Mein Vers aus der Sammlung Nema begegnen wir einer weiteren, exemplarisch bildhaften »Definition« der Schlange: »Ein Stengel mit einer Blüte obenauf / ohne Frucht / das wäre / eine Schlange.« Den Kontrast zwischen Vertrautheit und Fremde erlebt Camaj auch später bei den Aufbrüchen nach Belgrad, Rom, München. Er lebt »Zwischen zwei Welten«, zwischen Nord und Süd, Wärme und Kälte, Licht und Dunkel, zwischen heil und zerbrochen. Hinter den Mauern des Jesuitenkollegs in Shkodër erfährt er den Gegensatz zwischen Leben und Ruhe, Aktivität und Kontemplation, Weitergehen und Rückzug. Das binäre Prinzip, nach außen und in sich zu gehen, wird zu einem der beherrschenden Elemente seiner Dichtung und gibt seinem zentralen Lyrikband den Titel, Njeriu më vete e me tjerë – wörtlich übersetzt: »Der Mensch in sich und mit anderen«.

Im humanistischen Gymnasium stößt er auf das Gegensatzpaar alt – neu. Ihm begegnet er später wieder in der wissenschaftlichen Arbeit, als er in den Bibliotheken Roms nach den ältesten albanischen Literaturzeugnissen forscht. In Camaj fließen Stränge der Tradition – neben mündlichen Überlieferungen der albanischen Kultur beispielsweise die Literatur der griechischen und römischen Antike, Dantes Göttliche Komödie und die altalbanische Literatur – und der Moderne zusammen, neben den italienischen »Hermetikern« etwa der russische Symbolismus, der ihn tief beeindruckte, die angelsächsische und spanische Moderne, die er in Autoren wie T. S. Eliot, Rafael Alberti, Juan Ramón Jiménez kannte und schätzte.

In seiner Dichtung überwindet er den Gegensatz zwischen alt und neu, indem er auf archaische Strukturen und Formen albanischer oraler Überlieferungen zurückgreift und sie zum Katalysator der Modernität seiner »hermetischen« Lyrik werden läßt. Gegen Ende seines Lebens sollte er dann noch einmal auf das Thema »alt – neu« zurückkommen und ihm ein ganzes Buch widmen, seinen letzten Lyrikband mit dem bezeichnenden Titel Palimpsest. Das dualistische Prinzip findet in Camajs Werk seinen Niederschlag auch in der doppelten Beschäftigung mit der Sprache, einerseits in der Wissenschaft, andererseits in der Kunst. Camaj umkreiste das Phänomen Sprache nicht nur in der Bipolarität von Linguistik und Literatur, sondern, in letzterem Bereich, auch im Spannungsfeld von Lyrik und Prosa. Zwei Werke, Djella und Dranja, erstreben eine Symbiose oder Synthese beider Genres. In anderen Fällen drückte er in einem Genre aus, was er im anderen Genre nicht sagen konnte. Die Welt war dem Dichter aus den Bergen bei Temal ein Arsenal von Zeichen, die Literatur war ihm ein Mittel, die Zeichen durch das Wort Klang werden zu lassen. Dem poeta doctus Camaj, der um die Namen der Dinge wußte, ging es darum, diesen Namen durch die Sprache seiner Dichtung eine Stimme zu geben. Im Gedicht Synkope erklingt »Die Stimme im Wort / auf der Klinge des Messers / Lettern hauchdünn / Ameisen aufgereiht /auf einen Faden / Leben um Leben.«

In den binären Paaren Zeichen/Klang und Name/Stimme stoßen wir auf zwei Schlüsselwörter Camajscher Lyrik. Das albanische Wort »tingull«, Klang, war sein Lieblingswort. Vom Wort »zâ«, Stimme, schreibt Camaj in seinem Vorwort zu Palimpsest: »Für die Welt, aus der ich stamme, war Stimme alles; es war gleichbedeutend mit Ewigkeit, mit Gedächtnis, mit Lied« und er spricht dort über »die unvollkommene Übereinstimmung der Stimme mit dem Zeichen oder mit den Lettern eines alten Buches, die in Wirklichkeit eine vor vielen Jahrhunderten verloschene Stimme weiterleben lassen.« Angesichts derart vieler Polaritäten verwundert es nicht, wenn in Camajs Gedichten wieder und wieder Motive der Zweiteilung erscheinen und Begriffe wie »zwiegespalten«, »zweierlei«, »zwiespältig«, »zweigezackt«, »zweigeteilt« die Gespaltenheit zwischen der Integration in der Fremde und dem Abgeschnittensein von der Heimat immer wieder anklingen lassen.

Kreuzung der Vögel

Nachtanbruch letzter Liebe
spielerisch gekeimt:
er geht buntbesohlt
wie einer der im Norden über Winter
hinter vielen Fenstern haust.
Auf schwarzen Füßen schreitet sie
jung und schön
vor dem Aufbruch nach Süden

von außen schallen die Stimmen der Welt
und der Weg ist zweigeteilt:
halb Eis
halb Sonne.

Martin Camaj hat das Schicksal der Emigration oft thematisiert. Karl-Markus Gauss schreibt in seiner Rezension zu Recht: »Immer wieder hat Camaj die Gestalt des Fremdlings, des Auswanderers beschworen.« Stellvertretend sei hier ein auf Deutsch unveröffentlichtes Gedicht aus Nema zitiert:

Unterführung

Er kam ungerufen
wer weiß woher.

Nachts umfaßte ihn der Tunnel
mit vier Wandarmen
zu beiden Seiten, einer unten
und einer oben,

vierfach beleuchtet
hell entflammt.

Zwei Füße und ein Schritt
ohne Schatten neben sich
begleiten ihn unter Tage
durch den Fels,
von Stadt zu Stadt.

Der Titel des Gedichts erscheint auch im albanischen Originaltext auf Deutsch. Camaj war fasziniert von dem deutschen Kompositum »unter – führen«. Die Faszination von Worten, Lauten und Klängen der Sprache führt uns zum innersten Kern, um den Martin Camajs Leben und Arbeit kreiste. Sprache war für Camaj nicht nur das Bindeglied zwischen Kunst und Wissenschaft, sondern auch zu seiner Heimat. Er schuf sich in der Literatur kein Heimat-Surrogat in Form einer folkloristisch angehauchten, in Kolorit getauchten Mythifizierung. Camaj vergegenwärtigte sich die abhanden gekommene Heimat in der Verdichtung seiner zu elliptischen Formen kristallisierten Lyrik und fand seine Heimat überall auf der Welt in den Wurzeln, die kein Regime dieser Welt auszureißen vermag: in der Sprache.

Das Gedicht »Mutterland« von Rose Ausländer – »Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer // Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort« – läßt sich für Martin Camaj dahingehend abwandeln, daß sein wahres Vaterland die Muttersprache war. Er sprach gut Serbokroatisch und sprach Italienisch wie eine zweite Muttersprache. Sein Deutsch war fließend und gut, er vermochte sich gewählt auszudrücken, konnte jedoch einen eigenwilligen, durchaus reizvollen albanischen Akzent nicht ablegen. Er hatte Deutsch nie systematisch gelernt. Im Albanischen hingegen stand ihm ein Instrument mit einer nahezu unbegrenzten Klaviatur zur Verfügung. Er hatte eine einzigartige Kenntnis der gesamten Palette albanischer Idiome.

Camaj war die Welt und Sprache seiner Kindheit und Jugend immer gegenwärtig. Er mußte sich nicht mühsam daran »erinnern«, sie war ihm präsent. Er selbst gebrauchte dafür im Gespräch das Bild vom vollgesogenen Schwamm. Kurz vor seinem Tod sagte er seiner Frau: »Ich glaube, jetzt bin ich soweit, daß ich in meiner Sprache alles sagen kann, was ich sagen möchte.«

Die Sprache war für Camaj jederzeit und an jedem Ort auch eine Rückkehr. Das Porträt Martin Camajs soll das letzte Gedicht seines letzten veröffentlichten Gedichtbandes Palimpsest abschließen, das als summa summarum des Lebensweges eines Dichters der Dichotomie den Blick auf die Rückkehr zum Ursprung lenkt.

Diptychon

Fremd(w)orte. Schreiben und Leben – Exil in München Zeit war es für die Rückkehr
zum Ursprungsort
und ich schloß den Folianten
wie wenn zwei Fensterflügel sich schließen
und vor mir erschien ein Diptychon
in der Mitte gebrochen das Bild durch ein Rückgrat
aus Menschengebein

und darauf der Spiegel des Lebens zur Hälfte gespalten
Poesie auf zwei Blättern wo jedes Wort diente
der Idee Palimpsest.


Hans-Joachim Lanksch

(Erschienen in: Elisabeth Tworek (Hg.), Fremd(w)orte. Schreiben und Leben – Exil in München, München 2000)